Wahlprüfsteine: Gendergerechtigkeit und Jungenarbeit

anlässlich der Landtagswahlen am 13. 03. 2016

Fragen der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit Baden-Württemberg e.V. an die Fraktionen im Landtag Baden-Württemberg: Bündnis 90/Die Grünen (Thomas Poreski), CDU (Felix Schreiner), FDP (Dr. Timm Kern) und SPD (Florian Wahl)

Die LAG Jungenarbeit Baden-Württemberg e.V. (LAGJ) versteht sich als landesweite Fachstelle für Jungenarbeit und Jungenpolitik. Zu unseren Aufgaben zählen unter anderem die fachliche Beratung und Qualifizierung von Bildungsträger*innen und Mitgliedern* der LAGJ in Bereichen geschlechterbewusster Jungenarbeit. Wir fördern das gleichberechtigte Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen aller Geschlechter in Baden-Württemberg mit dem Ziel einer geschlechtergerechten Gesellschaft. Dazu hat sich auch die Politik in Baden-Württemberg verpflichtet. Vor den Landtagswahlen möchten wir daher Ihre Positionen und Handlungsperspektiven mit besonderem Blick auf die Förderung von politischen Rahmenbedingungen erfragen, die dem oben genannten Ziel dienen.

I. Bildung und Erziehung

Krippen und Kitas sind Orte elementarer Bildung für Jungen und Mädchen. Als öffentliche Institutionen bilden sie eine heteronormativ verortete Geschlechterordnung ab. Erzieher*innen leben maßgeblich Rollenbilder vor und prägen Rollenverhalten. Männer in erzieherischen Berufen sind dabei noch immer eine kleine Minderheit. Bezogen auf die Kategorie Geschlecht, erfolgt die Arbeit in der Kita, aber auch in Grundschulen weitegehend unreflektiert und ohne klare Konzeption, auch wenn die Notwendigkeit eines geschlechterbewussten Ansatzes zunehmend erkannt wird.

Frage 1: Welche Handlungsansätze sieht Ihre Partei, um eine geschlechterreflektierte und geschlechtergerechte Pädagogik stärker als bisher in der Elementarbildung zu verankern?

Frage 2: Wie wollen Sie insbesondere im Ausbildungsbereich Maßnahmen für eine geschlechterreflektierte Pädagogik anstoßen?

Die Debatte um Jungen als „Bildungsverlierer“ im Anschluss an die Pisa-Studie 2000 hat gezeigt, dass es sich nicht um DIE Jungen handelt, die mit schlechteren Abschlüssen in den unterschiedlichen Schulformen abschneiden oder ohne Schulabschluss aus dem formalen Bildungssystem fallen. Es geht in dieser Analyse vielmehr um Jungen und männliche Jugendliche aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Familien, die überdurchschnittlich häufig einen Migrationshintergrund aufweisen.

Frage 3: Wie möchten Sie nach der Landtagswahl politisch wirken, um Bildungschancen für die angesprochene Gruppe von Jungen zu erhöhen und soziale Benachteiligungen abzubauen?

II. Gesundheit

Der aktuell vorliegende Jungen- und Männergesundheitsbericht für unser Bundesland zeigt: die Gesundheitslage in Baden-Württemberg ist für Jungen und Männer im Bundesvergleich überdurchschnittlich gut. Allerdings macht der Bericht auch deutlich, dass die Soziallage ein entscheidendes Kriterium für die Qualität der Gesundheit ist. Hier gibt es erhebliche Unterschiede und Schieflagen. Weiterhin hebt der Bericht Suizidalität und Unfallgefährdung unter den besonderen Risiken der männlichen Untersuchungsgruppe hervor, die im Bundesdurchschnitt geringere Werte erhalten. Darüber hinaus wird festgestellt, dass Jungen und Männer durch aktuelle Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention meist sehr viel schlechter erreicht werden als Frauen. Gleichzeitig fehlt häufig eine fachliche Zuständigkeit für dieses Feld. Auch belastbare Daten für die Einschätzung der Gesundheit von Jungen sind nur unzureichend vorhanden.

Frage 4: Wie wollen Sie dem im Bericht aufgezeigten Mangel an belastbaren Daten im Feld der Jungengesundheit in Baden-Württemberg in der kommenden Legislaturperiode abhelfen?

Frage 5: Welche weiteren konkreten Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den im Bericht erhobenen Fakten zu Bedarfen und Vorschlägen für eine künftige Jungengesundheitspolitik in Baden-Württemberg?

III. Flüchtlingsjungen und Jungen mit Migrationshintergrund

Immer mehr Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten erreichen unser Land. Sie fliehen vor tödlicher Gewalt, der Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Existenz und dem Verlust aller Perspektiven. Mit Recht werden in diesem Kontext insbesondere Mädchen als Opfer von Gewalt  in den Blick genommen. Diese Perspektive darf aber nicht dazu führen, dass das Schicksal von Jungen unbesprochen bleibt. Auch unbegleitete minderjährige männliche Flüchtlinge sind Opfer dieses Szenarios: sie haben Gewalt, mitunter auch sexualisierte Formen der Gewalt mit der Folge von Traumata erlitten.

Die Ereignisse von Köln haben zusätzlich eine Atmosphäre geschaffen, in der insbesondere männliche Flüchtlinge aus dem Maghreb und arabischen Ländern in der Gefahr stehen, ihrer Schutzrechte beraubt zu werden. Aber auch Jungen und männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund sind von dem sich verändernden sozialen Klima betroffen.

Frage 6: Welche Maßnahmen unterstützt ihre Partei, um der besonderen Schutzwürdigkeit minderjähriger Flüchtlingsjungen in Baden-Württemberg gerecht zu werden?

Frage 7: Welche Programme planen Sie mit Blick auf die kommende Legislaturperiode, um Integrationsprozesse für und mit den oben angesprochenen Zielgruppen zu fördern?

IV. Vielfalt von Geschlecht

Die Akzeptanz von geschlechtlicher Vielfalt wird gerade in unserem Bundesland politisch positiv vorangebracht. Mit der Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ wird ein wichtiger Rahmen für die Arbeit an Schulen gesetzt. Leider traf die Initiative des Kultusministeriums auf populistische Argumente, die Angst, sowie Abwehr schürten. Das Vorhaben, Themen geschlechtlicher Vielfalt in den neuen Bildungsplan zu verankern, konnte daher nicht in dem erwünschten und ursprünglich auch geplanten Maße umgesetzt werden.

Im Alltag werden noch immer homosexuelle, sowie transidente Menschen benachteiligt.  (vgl. Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI))

Frage 8: Mit welchen Instrumenten wird Ihre Partei die Umsetzung des neuen Bildungsplanes mit Blick auf das Thema Geschlechtervielfalt begleiten und evaluieren, um noch im Laufe der kommenden Legislaturperiode bei Bedarf nachjustieren zu können?

Frage 9: Welche Strategien erarbeitet ihre Partei für die kommende Legislaturperiode, um trans* oder homosexuellen Jungen, sowie andere Kinder, die sich unter der Bezeichnung LSBTTIQ identifizieren, adäquate Beratungsangebote und Begleitung in ihrer psycho-sozialen Entwicklung zur Verfügung zu stellen und Diskriminierungen abzubauen?

V. Sexualisierte Gewalt gegen Jungen

Mädchen und Jungen, Kinder jedweder geschlechtlicher Identität brauchen, wenn sie Opfer von Gewalt wurden, professionelle Hilfestrukturen, die ihrer spezifischen Situation gerecht werden. Die LAGJ beteiligt sich in diesem Zusammenhang nicht an einem gegenseitigen Aufrechnen von Gewaltwiderfahrnissen. Jede gegen Mädchen gerichtete Gewalttat ist eine zu viel – jede gegen Jungen gerichtete Gewalttat ist eine zu viel! Mit Blick auf Jungen bleibt festzustellen, dass sexualisierter Gewalt noch weitgehend tabuisiert wird. Auch Jungen werden leider Opfer von sexuellem Missbrauch: Zu einem Viertel der in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) jährlich gezählten über 14.000 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern in Deutschland, sind Jungen als Opfer betroffen.  Hierbei existiert ein großes Dunkelfeld, welches Wissenschaftler*innen vermuten lässt, dass ca. 5 – 15% der Jungen in ihrer Kindheit Opfer von sexualisierter Gewalt werden.  Hilfs- und Beratungsangebote für betroffene Jungen sind jedoch nur sehr eingeschränkt verfügbar.

Frage 10: In welcher Weise unterstützen Sie Interventions- und Schutzkonzepte, sowie Beratungseinrichtungen, die Jungen als Opfer von Gewalt erreichen, und wie werden Sie in der kommenden Legislaturperiode den Schutz von Jungen vor sexualisierter Gewalt erhöhen?

Frage 11: Kommt für Sie die Einrichtung unabhängiger Ombuds-Stellen in Baden- Württemberg, an die sich Jungen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, wenden können, in Frage?

Zuletzt aktualisiert am 4. März 2016