„Scham – eine tabuisierte Emotion“ Impulse für die geschlechterbewusste pädagogische Arbeit. LAGJ organisierte am 13.05. ein Werkstatt-Gespräch

Der Referent, Dr. Marks befasst sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Beschämung undOLYMPUS DIGITAL CAMERA Scham. Er ist davon überzeugt, dass unerkannte und unbearbeitete Schamgefühle auf der einen Seite zu Depression, Burnout, Sucht oder Suizid führen, auf der anderen Seite in Zynismus, Trotz oder Wut und schließlich Gewalt umschlagen können. In der Mitte des Raums steht Dr. Marks und gießt in kleinen Schlückchen Wasser in ein Glas – bis dieses schließlich überläuft. So verhält es sich mit der Scham, die oft in kleinen Dosen durch unterschiedlichste Formen der Beschämung von vielen Menschen aufgenommen worden ist. Eines Tages brodelt sie über die eigene Grenze. „Was tun mit der überwältigenden Scham?“ fragte der Referent, der zum Fachdialog der LAGJ am 13.05. 2015 nach Mannheim eingeladen worden war. „Wir haben Parias, die die Schuld der anderen auf sich zu nehmen haben“, beantwortet er selbst die Frage und berichtet von Beispielen in unterschiedlichen Kontexten: von Putzkolonnen in Krankenhäusern, Außenseiter*innen in einem Team, das so gut funktionieren würde, „wenn da nicht Frau X wäre“ oder ausgegrenzten Jungen oder Mädchen in Schulen, die verletzt und mussachtet werden. Das Tabuisieren der eigenen Scham kann zu einem Sündenbock-Ritual, wie im Alten Testament oder dem Phänomen der Unberührbaren in Indien oder den Juden im Nationalsozialismus führen. Bis hin zur massenhaften tödlichen Verachtung führt verdrängte Scham. Wer selbst oft beschämt worden ist, steht in der Gefahr, als Abwehrmechanismus andere zu verachten und zu beschämen. Eine*r muss die Scham – bemerkenswerterweise geht es nicht um Schuld, die juristisch aufgearbeitet werden kann, – der anderen tragen. Zum anderen kann Scham zum Zerfall der eigenen Persönlichkeit führen. Auf diese Zusammenhänge wurde Dr. Marks durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus aufmerksam. So holte er Scham als wichtiges Thema aus der Tabuzone und ist seither mit vielen Vorträgen im Jahr in Krankenhäusern, Seniorenheimen und vielen sozialen Einrichtungen unterwegs. Scham erhält in zweierlei Richtungen ihre Bedeutung, als Auslöserin des Destruktiven, aber auch als Hüterin der Würde. Denn Scham gilt als Indikator dafür, dass die Grenze zur eigenen Intimität überschritten wird. Dies manifestiert sich kulturell und gesellschaftlich höchst verschieden. Erst mit dem Erkennen der normativen Bedeutsamkeit von Scham werden die damit einhergehenden Phänomene der Verschleierung entrissen und als Erklärung für destruktives, aber im positiven Sinne auch schützendes Verhalten nutzbar. Das Tabuisieren der Scham führt zu Abwehrmechanismen, die das Verhalten vieler Menschen prägen und einen würdevollen Umgang miteinander untergraben. Dagegen plädierte Dr. Marks für eine Pädagogik der Anerkennung, die die anderen in ihrer Würde respektiert. Das der Zusammenhang von Scham und Beschämung auch eine geschlechterbezogene Komponente beinhaltet, liegt auf der Hand und bedarf der eigenständigen Forschung.

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