Dokumentation FACHTAG „Jungen nach der Flucht – Geschlechterbewusste Arbeit mit männlichen Geflüchteten.“

 

05. OKT 2021

Pforzheim

Zum Fachtag der LAG Jungen*- & und Männer*arbeit BW, der in Kooperation mit dem Stadtjugendring Pforzheim und anderen Partnern im dortigen Haus der Jugend stattfand, kamen 60 Teilnehmende aus Pforzheim und den umliegenden Orten, aber auch aus ferneren Regionen Baden-Württembergs. Mit 2 Vorträgen, 3 Workshops und einer Podiumsdiskussion wurden den Fachkräften wertvolle Kenntnisse vermittelt, wie sie geflüchtete Jungen* und männliche* Jugendliche bei der Bewältigung ihrer Herausforderungen gut unterstützen und dabei Licht in die Vielfalt intersektionaler Verstehenshorizonte bringen können.

Vorträge

Junge männliche* Geflüchtete. Problemlagen und Unterstützungsbedarf.

Prof. Dr. Albert Scherr, Pädagogische Hochschule Freiburg, Institut für Soziologie

 

Der Referent des ersten Vortrags Prof. Scherr stellte die Ergebnisse eines Forschungsprojekts vor, dass sich mit besonders problematisch gelesenen männlichen* Geflüchteten befasste. Ziel der Forschung war es, realistische Einschätzungen zu bestimmten Problemlagen zu gewinnen und spezifische Risiken bzw. Belastungen dieser Zielgruppe zu analysieren, um sozialarbeiterische Ansätze für die Prävention und Intervention zu erhalten. Prof. Scherr analysierte kriminologische Befunde, die davon ausgehen, dass es nur sehr geringe Unterschiede zwischen Auffälligkeiten einheimischer und geflüchteter junger Männer* gibt und begründete, warum eine ca. 1%-ige höhere Straffälligkeit unter den Geflüchteten zu verzeichnen ist. Anerkennung und Wertschätzung, sowie sichere Perspektiven und Zukunftschancen tragen erheblich dazu bei, kriminelle Überlebensstrategien unter Geflüchteten zu verringern. Er warnte davor, in die Falle zu tappen, das problematische Lebensverhältnisse automatisch in problematischen Verhaltensweisen münden würden. Dem ist nicht so. Viel schwieriger ist es, zu erklären, warum die meisten Geflüchteten unter den vielfältigen Belastungen, die er ausführte, ihr Leben dennoch gelingend meisterten, als zu begründen, unter welchen Umständen junge Geflüchtete in Devianz abgleiten können. Er begründet auch, warum therapeutische Unterstützung von den oft traumatisierten männlichen* Geflüchteten nur schwer annehmbar ist. Die Belastungen, denen geflüchtete männliche* Jugendliche ausgesetzt sind übersteigt die Herausforderungen, denen sich einheimische junge Menschen stellen müssen, erheblich. Dennoch meistern viele die hohen Hürden, die ihrer Integration entgegenstehen. Erst dann, wenn die Bleibeperspektive schwindet, wächst die Gefahr devianten Verhaltens. Prof. Scherr kritisierte, dass sich zwischen dem Resozialisierungsrecht nach erfolgter Straffälligkeit und dem Ausländerrecht eine große Kluft auftut, die Integrationsbemühungen der sozialen Arbeit torpediert. In der Arbeit mit Geflüchteten sollten vielmehr die Gelingens-Faktoren für Integration betrachtet werden, denn die meisten Geflüchteten werden nicht straffällig. Dabei sollten die Biografien und besonderen Überlebensfähigkeiten der jungen Geflüchteten stärker in den Blick genommen werden. Sozialarbeiterische und rechtliche Rahmenbedingungen werden den besonderen Lebenslagen und Fähigkeiten vieler junger geflüchteter Männer* nicht gerecht. Was soziale Arbeit mit jungen Menschen, die in einem anderen Land mit anderen politischen, kulturellen und sozialen Strukturen aufgewachsen sind, bedeutet, ist noch viel zu wenig fachlich reflektiert und systematisiert worden. So stellte Prof. Scherr in seiner Präsentation viele kritische Fragen, u.a. wie sozialpädagogische Beziehungsarbeit überhaupt funktionieren kann, ohne eine gemeinsame Erst- oder Muttersprache zu beherrschen. Außerdem wies er darauf hin, dass offensichtlich das deutsche Regelsystem nur unzureichend den Hinzugekommenen vermittelt und somit kaum ein angemessener Rahmen zur Orientierung im Aufnahmeland gegeben wird

„Muslimische Männlichkeiten“.  Männlichkeitskonstruktionen im Islam – Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft – Orientierungsmuster muslimischer Jungen*

Prof. Harry Harun Behr, Goethe Universität Frankfurt am Main

 

 

Religion begleitet uns wie ein „sozialer Tinnitus“, so leitete Prof. Behr seinen Vortrag ein und wies damit auf den Grund dafür hin, sich auch in der sozialen Arbeit mit der Frage zu befassen, welche Bedeutung Religion im Allgemeinen und der Islam im Besonderen im Kontext der Arbeit mit Geflüchteten aus muslimisch geprägten Ländern hat. Positiv verstanden ist Religion eine Ressource. Diesen bejahenden Ansatz führte Prof. Behr, der selbst muslimische Religionslehrer*innen ausbildet, kenntnisreich aus. Er wies auf die Vielfalt von Religionen in Deutschland und die Diversifizierung innerhalb der Religionen hin und führte in die Genese, in wesentliche Inhalte und aktuelle Entwicklungen des Islam ein, die alle eine hohe Bedeutung für Möglichkeiten der pädagogischen Begleitung junger Menschen haben. Prof. Behr zitierte im Original aus dem Koran und leitete in seiner gendergerechten Übersetzung das gleichwertige Verhältnis von Frau und Mann aus den heiligen Schriften des Islam ab, der ursprünglich keine binäre Hintergrundkonstruktion hatte. Der Entstehungskontext des Islam war ein migrationsoffener Raum. So lässt sich der Islam in einigen Suren als vielfaltsoffen und tolerant, aber auch widersprüchlich lesen, da er auf unterschiedliche religiöse Daseinsformen seiner Zeit Bezug nahm. Prof. Behr versteht den Koran als Diskursdokument, das für eine moderne Lesart offen ist und nicht als letzte Offenbarung, die wörtlich zu nehmen ist. Er erklärte traditionelle Praxen aus der damaligen Zeit heraus und vermittelte, dass der Koran die Konfliktdiskurse seiner Zeit spiegelt. Gleichzeitig gelang es dem Referenten, über historische Erklärungen hinaus, wichtige Fragen der heutigen Zeit aus dem Koran heraus modern zu beantworten.

Islamistische Strömungen, die als radikal zu bezeichnen sind, erreichen eher die religiös Ungebildeten. Diese Strömungen sind besonders dort erfolgreich, wo sie Identifikationen anbieten, wo sie verunsicherten Menschen, zu denen oft Geflüchtete gehören, Halt und Orientierung geben und Vertrauen schaffen. Die Abwertung des Islam als Ideologie, als rückständig, totalitär und frauenfeindlich gibt radikalen Bewegungen erst recht Auftrieb. Sie ist auch sozialarbeiterisch Tätigen eher vertraut, als moderne Lesarten. Umso wichtiger war der Beitrag von Prof. Behr, der darauf hinwies, dass es eine Handlungsverlegenheit gegenüber Religionsfragen auf beiden Seiten gibt, jener der sozialarbeiterisch Handelnden, wie auch der Seite der Zielgruppen. Diese besteht aufgrund der abwertenden Interpretationen des Islam, in der Islamizität als Fremdheitsmerkmal verstanden wird, als Abweichung von der bürgerlichen Normalität. Diese Beschreibungen machen ein Aufeinander zugehen und einen Verständigungsprozess, darüber wie sich z.B. muslimische Männer* verstehen, extrem schwer, da sie gleichermaßen von den ihnen gegenüber gemachten Zuschreibungen beeinflusst werden. Es gilt daher die Zuschreibung von Fremdheit zu überwinden, sich gut zu informieren, sprechfähig zu werden und miteinander ins Gespräch zu kommen.

19.10.21

Vormittag

GIRLS GO MOVIE

Lämmle & Hutter, Girls go Movie

WS 4

09:30-12:30Uhr

„Sex, Gender, Desire - all matters!“

Wallner & Drogand-Strud, meinTestgelände

WS 5

09:30-12:30Uhr

Mit freundlicher Förderung